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Das Blog der Hamburger Volkshochschule

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Projekt RefugeesIN

Was treibt Menschen zur Flucht aus ihrem Heimatland und wie gelingt es ihnen, in einem anderen Land wirklich „anzukommen“, dazuzugehören?

Elvisa Kantarevic:
„Ich fühlte mich als Deutsche mit Verfallsdatum“

Elvisa Kantarevic

Elisa Kantarevic wurde in Bosnien geboren. Sie war 10 Jahre alt, als der Konflikt zwischen Bosnien und Serbien begann. Unter der Bedrohung durch den Krieg floh ihre Familie 1991 Hals über Kopf aus Bosnien. Sie kamen nach Deutschland, Elvisa besucht die Schule, fand schnell Freunde und lernte die Sprache sehr schnell. In der Schule kam sie gut voran, ebenso wie ihre Schwester, die ein Jahr jünger war.

Elvisa konnte bald auf ein Gymnasium wechseln. Nach fünf Jahren in Deutschland fühlte sie sich als Deutsche. Doch dann drohte der Familie die Abschiebung zurück nach Bosnien. Die ganze Zeit über war ihr Aufenthalt in Deutschland nur „geduldet“ gewesen, die Aufenthaltserlaubnis war jeweils nur für weitere 6 Monate verlängert worden. Deshalb fühlte sich Elvisa zwar wie ein deutsches Kind, „aber mit Verfallsdatum“.

Der Abschiebungsbescheid kam, als sie in der 9. Klasse war. Nachbarn und Freunde halfen der Familie, Widerspruch einzulegen. So erreichten sie schließlich, dass Elvisa und ihre Schwester in Begleitung eines Elternteils noch ein Jahr in Deutschland bleiben konnten, um ihren Schulabschluss zu erhalten. Ihre Mutter und der jüngere Bruder mussten nach Bosnien zurückkehren, während die Schwestern mit dem Vater noch ein Jahr bleiben konnten.

Zurück in Bosnien gingen beide Schwestern bis zur Hochschulreife weiter zur Schule. Danach bewarben sie sich um Studierenden-Visa für Deutschland und hatten beide Glück. Gemeinsam kehrten Sie nach Deutschland zurück und studierten in Bochum Germanistik und Philosophie.

Seit 2008 besitzt Elvisa die deutsche Staatsangehörigkeit und sie ist stolz darauf. Bosnien ist für sie der Familie und Freunde wegen immer noch „Heimat”, aber Deutschland ist jetzt auch ihre Heimat.

Yasser Motraji:
„… dann habe ich auf die Heizung geschaut.“

Yasser Motraji

In Syrien war Yasser Motraji Professor für Linguistik und Arabisch. Gemeinsam mit seiner Frau, die deutsche Wurzeln hat, hat er zwei Kinder. Vor fünf Jahren hatte die Familie Syrien verlassen müssen, denn die Deutsche Botschaft hatte sie mehrfach gewarnt, man könne für ihre Sicherheit nicht mehr garantieren, sie sollten sofort das Land verlassen. So kamen sie nach Deutschland und für einige Jahre, so sagt er, tat er nun nichts anderes als Deutsch zu lernen.

Aufgrund der Tatsache, dass seine Frau deutscher Herkunft war, bekam die Familie ein Schengen-Visum und sie konnten nach Hamburg gehen, wo sie Verwandte hatten. Als sie ankamen, waren sie eine der ersten syrischen Flüchtlingsfamilien dort. Sie zogen zunächst zur Schwester seiner Frau, alle wohnten sie in einer 40-qm-Wohnung. Die Wohnungssuche war für die Familie schwierig, niemand wollte sie als Mieter. Yasser bewarb sich als Lehrer und Übersetzer, er schrieb rund 15 Bewerbungen pro Woche, und er sagte sich, dass er dringend die Sprache lernen müsse, um dazuzugehören. Das sei jetzt erst einmal sein Job. So lernte er sehr ehrgeizig Deutsch, erreichte innerhalb des ersten Jahres das Sprachlevel B1 und schon kurz darauf C1.

Eine Wohnung hatte die Familie nach 6 Monaten gefunden, allerdings eine miserable. Seine Töchter fühlten sich nicht wohl in Deutschland und hatten Heimweh nach Syrien. Sie kamen sich in der Schule alleingelassen vor, da es außer ihnen kaum arabische Kinder gab. Aber immer wenn Yasser über die Situation der Familie und seine Sorgen nachdachte, schaute er auf die Heizung in ihren Zimmern. Und dann dachte er an andere Flüchtlinge, die in Camps und Zelten frieren mussten. Er fühlte dann wieder, dass er Glück gehabt hatte, zu entkommen, und wusste, dass er nicht nachlassen würde, das Beste aus dem zu machen, was sie hatten.

Heute arbeitet Yasser Motraji unter anderem als Arabischlehrer in der Erwachsenenbildung und als Arabischexperte für Schulen und Universitäten. Sein Traum ist es, wieder eine Professur zu bekommen, diesmal in Deutschland.

 

Dies sind nur Ausschnitte aus den Interviews mit Elvisa Kantarevic und Yasser Motraji. Aufgezeichnet wurden ihre Erfahrungsberichte im Rahmen des EU-Projekt RefugeesIN.
Die Links zu den vollständigen Erfahrungsberichten inklusive ergänzender Informationen finden Sie – in englischer Sprache – weiter unten in diesem Beitrag, ebenso die Erfahrungen von Nilab Dost und Sada Sayetegan, die aus Afghanistan nach Deutschland flüchteten.

 

RefugeesIN

Im EU-Projekt RefugeesIN stellen Geflüchtete ihre früheren und heutigen Lebenssituationen filmisch dar. Teilnehmende aus 6 Ländern (Deutschland, Großbritannien, Irland, Italien, Portugal und Slovenien) geben Einblick in ihre ganz unterschiedlichen Erfahrungen. Daraus sollen schließlich – auch in Auseinandersetzung mit europäischen Spielfilmen zum Thema Integration – Dokumentarfilme entstehen. Die Idee: Kino und Film und das Nachzeichnen der realen Lebensgeschichten sollen helfen, Stereotype aufzubrechen und zu überwinden. Gleichzeitig können diese ganz persönlichen Integrationsgeschichten als Vorbild für Neuankommende dienen. Die Filme, die entstehen, werden untereinander ausgetauscht und öffentlich gezeigt. Auf diese Weise soll mehr Verständnis für die Lebensperspektiven von Menschen mit Fluchtgeschichte entstehen.

Das Projekt läuft noch bis Dezember 2018. Im Zeitraum Juni 2017 bis Februar 2018 entstehen die Dokumentarfilme.

Weitere Informationen zum Projekt und unseren Projektpartnern

Zur Website des Projekts RefugeesIN

Die Interviews

Vollständiges Interview mit Elvisa Kantarevic in Englisch

Vollständiges Interview Yasser Motraji in Englisch

Vollständiges Interview mit Nilab Dost in  Englisch

Vollständiges Interview mit Sadat Sayetegan in Englisch

Geführt und aufgezeichnet wurden die Interviews von Heike Kölln-Prisner.

 

Für die Volkshochschule Hamburg schreiben mehrere Autorinnen und Autoren.
Hier finden Sie Infos über uns und die einzelnen Autoren.
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