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Das Blog der Hamburger Volkshochschule

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Geschützter Lernort für jüdische Mädchen

Die Gedenkstätte Israelitische Töchterschule gehört seit 1988 zur Hamburger Volkshochschule. Eine Ausstellung erinnert an die Geschichte der Schule, der ehemalige Naturkunderaum kann im Original besichtigt werden.

Bildungsstandards ändern sich – heute gehören Smartboards und digitale Mikroskope in vielen Schulen zum Alltag, doch 1930 war der neue Naturkunderaum der Israelitischen Töchterschule eine echte Innovation. Hier durften die Mädchen selbst experimentieren, das Bildungskonzept war für damalige Standards sehr modern. Und vor allem: Es waren Schülerinnen, die in den Genuss dieser fortschrittlichen Methode kamen. „Der jüdischen Gemeinde war die Bildung der Mädchen sehr wichtig“, erzählt Dr. Erika Hirsch, Historikerin und pädagogische Mitarbeiterin in der Gedenkstätte. Hirsch leitet die Gedenkstätte seit mehr als 25 Jahren (siehe Interview) und führt regelmäßig Gruppen durch die Ausstellung und den Naturkunderaum.

Besonders eindrucksvoll sind die großen Bildtafeln in der Ausstellung (© VHS, Markus Scholz)

Heute, an einem frühen Abend im November, sind es ausgewählte Stammkundinnen und -kunden der Hamburger Volkshochschule, die zusammen mit Hirsch die Fotos der Ausstellung betrachten und ihren Geschichten dazu lauschen. Denn bei Erika Hirsch ist Geschichte immer verknüpft mit Geschichten, um die Fakten herum werden die Menschen lebendig. Das Gehörte bleibt so im Gedächtnis, prägt sich ein und wirkt noch lange nach. Es ist ein Glücksfall für die Ausstellung, dass ein Fotoalbum von 1924 erhalten geblieben ist, ein Geschenk an die damalige Schulleiterin. Jeder Unterricht wurde fotografiert, fast alle damaligen Lehrer, Lehrerinnen und Schülerinnen sind daher auf den Bildern zu sehen.

>> bitte lesen Sie nach dem Interview weiter …

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Interview mit Dr. Erika Hirsch (66), Historikerin und Leiterin der Gedenkstätte Israelitische Töchterschule, Dr. Alberto-Jonas-Haus

 

Dr. Erika Hirsch (© VHS, Markus Scholz)

Wie hat in der Gedenkstätte alles begonnen?
Erika Hirsch: Als die Hamburger Volkshochschule 1988 die Trägerschaft für das Haus übernommen hat, bin ich direkt als ABM-Kraft eingestiegen. Die ersten Jahre waren von viel Aufbauarbeit geprägt – das Haus war baufällig und wurde erst im Jahre 2000 grundlegend renoviert; auch der Naturkunderaum wurde damals denkmalschutzgerecht restauriert. Ich war für die inhaltliche Ausgestaltung verantwortlich.

Was ist das Besondere bei Ihnen?
Erika Hirsch: Im Unterschied zu den anderen Einrichtungen in Hamburg, die sich mit jüdischer Geschichte befassten, sollte hier das öffentliche Gedenken mit breit angelegter Bildungsarbeit verbunden werden: Wir bieten Stadtgänge, Kurse, Wochenendseminare, Bildungsurlaube und natürlich auch Abendveranstaltungen zum Thema an; Jiddisch- und Hebräischkurse finden hier statt. Dass im Gebäude auch ganz andere Veranstaltungen besucht werden, wie Gitarrenkurse oder Deutsch für Menschen mit Migrationshintergrund, macht das Anliegen noch öffentlicher.

Der Ausgangspunkt der historischen Arbeit waren Fototafeln des Museums für Hamburgische Geschichte, die heute noch – mehrfach überarbeitet – die Grundlage unserer permanenten Ausstellung bilden. Zu den Besuchergruppen gehören seit Anfang der 1990er Jahre auch die Gäste des Hamburger Senats, jüdische ehemalige Hamburgerinnen und Hamburger und ihre Kinder und Enkel.

Was prägt Ihre heutige Arbeit?
Erika Hirsch: Meine Arbeit ist nach wie vor vielfältig und spannend – ich bin in Hamburg sehr gut vernetzt und kooperiere mit vielen Organisationen, Behörden und Einrichtungen. Durch diese gemeinsame Arbeit befruchten wir uns gegenseitig und können noch mehr Menschen auf unsere Angebote aufmerksam machen. Da besonders auch jungen Menschen die damalige Zeit vermittelt werden soll, führe ich oft Schülergruppen durch die Ausstellung. Seit einigen Jahren gibt es dazu eine enge Kooperation mit dem Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI). Ein relativ neuer Aspekt meiner Arbeit ist es, die Idee und Geschichte des Hauses Migrantinnen und Migranten näherzubringen. Sie kommen zu uns, um einen Sprachkurs zu besuchen, sehen im Haus die Ausstellung und wünschen sich eine Führung, um mehr zu erfahren.

Gibt es eine besonders wichtige Veranstaltung?
Erika Hirsch: Ja, ein großer Teil meiner Arbeit rankt sich auch um den seit 2014 alljährlich von Mitte April bis Mitte Mai stattfindenden „Monat des Gedenkens Eimsbüttel“. Zusammen mit vielen anderen Akteuren in der Stadt – das Spektrum reicht vom ABATON-Kino bis zum Institut für die Geschichte der deutschen Juden – bieten wir unsere Veranstaltungen an und unterstützen uns gegenseitig, z.B. bei der Werbung. Im letzten Jahr fanden mehr als 50 Veranstaltungen statt. Es ist viel Arbeit, aber sie lohnt sich – die Veranstaltungen werden sehr gut besucht und erfahren viel öffentliche Aufmerksamkeit.

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„Damals wäre niemand auf die Idee gekommen, dass nur wenige Jahre später viele Juden aus Hamburg fliehen würden. Hamburg war die Heimat dieser Menschen“, erläutert Hirsch. In der Ausstellung hängt auch ein Bild des Abiturjahrgangs 1937 der Talmud-Tora-Schule am Grindelhof, der anderen jüdischen Schule in Hamburg. Schauen Sie auf den Gesichtsausdruck der Jugendlichen“, sagt Hirsch zu den Teilnehmenden der Führung, „nur etwas mehr als ein Jahr vor dem Novemberpogrom war noch so viel Freude in den Gesichtern.“ In der Schule waren sie unter sich und damit noch relativ geschützt vom Alltag in der NS-Zeit. Waren die jüdischen Kinder jedoch auf allgemeinen Schulen, waren sie oft Schikanen und Mobbing ausgesetzt.

1930 war der Naturkunderaum eine echte Innovation – heute ein Museum. (© VHS, Markus Scholz)

Je mehr Hirsch von den Kriegsjahren erzählt, den zunehmenden Repressalien und Schicksalen, desto mehr eigene Geschichten und Erinnerungen kommen aus der Gruppe, teils aus der eigenen Kindheit, teils von Bekannten und Freunden. Eine Frau hatte eine Kollegin, die Schülerin an der Israelitischen Töchterschule war, eine andere Frau erinnert sich an ihre Kindheit in Bayern, wo sie im Gegensatz zu vielen anderen mit den jüdischen Kindern spielen durfte.

Zeitzeugen erzählen

Im Juni 1942 wird die Schule an der Karolinenstraße als letzte jüdische Schule in Hamburg geschlossen. Alberto Jonas, der Schulleiter, und seine Familie werden nach Theresienstadt deportiert. Nur seine Tochter Esther, später verheiratete Bauer, hat überlebt und ist erst vor kurzem gestorben. Viele Jahre war sie als Zeitzeugin für Erika Hirsch und die Hamburger Volkshochschule aktiv und hat Menschen in persönlichen Gesprächen ihre Geschichte erzählt. Auch nach dem Tod von Esther Bauer bietet Hirsch noch Veranstaltungen mit Zeitzeugen an (www.vhs-hamburg.de/kurs/never-teach-history-without-telling-a-story/282681). An Esther Bauer und ihr Leben erinnert das Ein-Personen-Stück „Das ist Esther“ des Hamburger Thalia Theaters. Dieses Stück wird seit einigen Jahren mit großem Erfolg im Alberto-Jonas-Haus in Schulvorstellungen und abendlichen Vorstellungen aufgeführt. Neue Termine wird es voraussichtlich im Frühjahr 2018 geben.

Nach einer guten Stunde ist die Rundtour durch Ausstellung und Naturkunderaum beendet und man merkt: Die Besucherinnen und Besucher haben noch großen Redebedarf. Obwohl sich untereinander kaum jemand kennt, entstehen angeregte Gespräche über das eben Gehörte, viele scharen sich um Erika Hirsch mit weiteren Fragen, einige studieren intensiv das Programmheft der Gedenkstätte und planen einen weiteren Besuch.

Weitere Infos zum Programm der Gedenkstätte finden Sie hier:
www.vhs-hamburg.de/vhs-standorte/gedenkstaette-israelitische-toechterschule-608

(blo), alle Fotos: Hamburger Volkshochschule, Markus Scholz

Für die Volkshochschule Hamburg schreiben mehrere Autorinnen und Autoren.
Hier finden Sie Infos über uns und die einzelnen Autoren.
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